Schengen ist nicht mehr grenzenlos

Das Coronavirus trifft Europa bis ins Mark. An kaum einem anderen Ort wird das am Montag so deutlich wie bei Schengen – der luxemburgischen Gemeinde, deren Name europaweit für Reisefreiheit über Grenzen hinweg steht. Denn grenzenlos ist da nicht mehr. Wer als Nicht-Deutscher von Schengen in Deutschland einreisen will, um zum Beispiel eben mal einzukaufen, Freunde zu besuchen oder spazieren zu gehen – der kann das nicht mehr.

Seit Montagmorgen wird der Einreiseverkehr nach Deutschland unter anderem an Grenzübergängen zu Frankreich und Luxemburg streng kontrolliert, um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen. Auf der deutschen Moselseite, die Schengen gegenüber liegt, stehen Bundespolizisten an drei Übergängen. Jeder Autofahrer wird ausgebremst und angesprochen – ob auf der A8, am Europakreisel oder in Perl-Nennig. Zu Frankreich bildete sich beim Übergang Goldene Bremm in Saarbrücken ein kilometerlanger Rückstau.

Mehrere Dutzend Menschen seien so am Vormittag zurückgewiesen worden, sagte der Sprecher der Bundespolizeiinspektion Bexbach, Karsten Eberhardt, im saarländischen Perl. Sie hätten keinen triftigen Grund für eine Einreise angeben können. Ihre Reifen wurden mit einem Kreuz aus Kreide vorne und hinten markiert, damit sie bei einer anderen Kontrollstation gleich erkannt werden könnten und nicht noch einmal überprüft werden müssten.

Die meisten zeigen Verständnis

Es seien nicht nur Luxemburger und Franzosen gewesen, sondern auch Menschen anderer Nationalitäten, die nicht ins Land gelassen wurden, berichtete Eberhardt. Deutsche Staatsbürger dürften einreisen ebenso wie Pendler, Handwerker und Lastwagen mit Waren. Die Regelung gilt nach Ankündigung von Deutschlands Innenminister Horst Seehofer bis auf Weiteres – auch an den Grenzen zu Dänemark, Österreich und der Schweiz.

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Die meisten Autofahrer zeigten Verständnis. «Es handelt sich ja um eine vorbeugende Maßnahmen», sagte der Luxemburger Serge Leyder, der seine Firma in Luxemburg hat, sein Lager aber in Deutschland. Er durfte passieren. Andere aber grummelten doch ein bisschen. «Ich verstehe nicht, warum in einem Supermarkt Deutsche einkaufen gehen dürfen, aber Luxemburger und Franzosen nicht», meinte Armand Perzylembski aus Frankreich, der wieder nach Schengen umkehren musste.

Nur ein paar hundert Meter entfernt von der Kontrollstelle am Europakreisel liegt der Ort, an dem Vertreter aus Deutschland, Frankreich, Luxemburg, Belgien und der Niederlande am 14. Juni 1985 als ersten Schritt zum «Schengen-Raum» den Verzicht auf Grenzkontrollen vereinbart hatten. Die Unterzeichner saßen auf einem an der Uferpromenade von Schengen ankernden Schiff «Princesse Marie-Astrid» – unweit des heutigen Europa-Museums, das derzeit wegen der Corona-Pandemie geschlossen ist.

Kontrollen sind «echte Herausforderung»

Heute gehören 26 Länder mit mehr als 400 Millionen Einwohnern zum Schengen-Raum. Nach Angaben der EU-Kommission gibt es jedes Jahr etwa 1,25 Milliarden Reisen über die Grenzen innerhalb dieser Region. Kontrollen gab es auch in Rheinland-Pfalz zur luxemburgischen Grenze.

Eberhardt von der Bundespolizei sagte: «Es ist hier ein besonderer Ort für Grenzkontrollen, weil hier der europäische Gedanken geboren wurde.» Es seien aber keine Kontrollen gegen Franzosen, Luxemburger oder andere Europäer – sondern zur Eindämmung des Coronavirus.

Man denke auch weiter europäisch und Luxemburger und Franzosen seien und blieben «Nachbarn und Freunde». Das Saarland sieht sich als Nachbarland zur als Coronavirus-Risikogebiet ausgewiesenen Region Grand Est in Ostfrankreich besonderen Herausforderungen im Kampf gegen das Coronavirus ausgesetzt.

Die Kontrollen derzeit seien «ein Stück weit sensibler» als andere, die schon mal an den Grenzen ganz im Westen Deutschland gestartet wurden – beispielsweise nach den Anschlägen in Paris. «Damals haben wir nach Dingen gesucht, die mit Terrorverdacht in Verbindung standen. Jetzt suchen wir nach etwas, was man nicht greifen kann.», meinte Eberhardt. Es sei eine «echte Herausforderung».